Apr
07

Nicht nur Thüringens Kommunen sind knapper Kasse, die Krise kommt, setzt sich nieder und lehnt sich wohl entspannt zurück. Auf Grund dessen werden freiwillige soziale Leistungen gekürzt bzw. gestrichen, so die Pläne. Betreffen wird es öffentliche Einrichtungen wie  Bibliotheken, Jugendeinrichtungen und andere öffentlich finanzierte Leistungen bzw. Anlaufstellen. Zur öffentlich finanzierten Leistung gehört auch die Kindertagespflege. Und auch hier bewegt sich der Rotstift. Es sind schon einige Tagesmütter für ihr Recht vor den Stadtrat getreten und haben für wenigstens ein Jahr ihre bisherige Finanzierung behalten können, auch wenn sie dennoch recht niedrig ist.

Sehr geehrte Verantwortliche für die Kürzung der Aufwandsentschädigung,

Wir Tagesmütter stehen mit Herz und Verstand hinter unserer Tätigkeit. Ergänzend zu den Kindergärten bieten wir den Kindern nicht nur einfach Beschäftigung und Versorgung sondern erfüllen im Rahmen unserer Möglichkeiten auch den Bildungsplan. Nach der Schließzeit der Einrichtungen wie Schule und Kita haben die Kinder ihre vertraute Umgebung um sich und auch die Eltern können beruhigt ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Sie gehen in dem Wissen zu ihrer Arbeit, dass ihr/e Kind/er in verantwortungsbewussten, liebevollen und vor allem qualifizierten Händen ist/ sind.

Das Wohl der Kinder steht an erster Stelle, richtig? Auch die frühkindliche Bildung ist ein sehr wichtiger Faktor, den wir den Kindern mit unserem Wissen und unseren Fertigkeiten vermitteln. Des Weiteren steht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als wichtiges Ziel der Familienpolitik auf jeder Ebene - kommunal bis deutschlandweit. Unter dem Aspekt "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" steht Gera zum Beispiel auf dem zweiten Platz im Familienatlas. Sie werden uns sicher zustimmen, dass es diese Stadt schon mit Stolz erfüllen könnte.

Dieser Aufgabe stellen wir uns gern mit Engagement, die aus der Überzeugung zu dieser verantwortungsvollen Tätigkeit rührt.

Zum Kindeswohl zählen wir unter vielen anderen Punkten auch, dass die Kinder eine möglichst längerfristige gleiche Betreuung erfahren, indem sie dieselbe Betreuungsperson als ihre zusätzliche Vertraute neben ihren Eltern haben.
Sie in ständig andere Hände zu geben, seien diese auch noch so fürsorglich, gibt Kindern das Gefühl, ständig herumgereicht zu werden.

Auch unsere Qualifikation mit vorherigem aufwändigen Aufnahmeverfahren und Prüfung spricht für den Einsatz einer Tagesmutter in Vollzeitpflege oder ergänzender Tagespflege.

Die Situation einer jeden einzelnen Tagesmutter ist verschieden. Trotz der Sozialleistungen, die einige von uns beziehen müssen und welche prozentual angerechnet wird, gehen sie dennoch sehr früh aus dem Haus und/ oder gehen oftmals sehr spät abends heim und haben ihre Erfüllung aus dem, was uns die Kinder an emotionalem Gewinn „mitgeben“.
Was die Tagesmütter für die Stadt leisten, findet allerdings öffentlich leider kaum Beachtung.

Nun werden wir erneut vor Tatsachen gesetzt, die uns Tagesmütter schockieren. Sie erinnern sich, dass wir bereits im letzten Jahr mit nachteiligen Beschlüssen zu unserer Finanzierung konfrontiert wurden. Die Folge war, dass einige Tagesmütter ihre Tätigkeit aus berechtigten Rentabilitätsgründen aufgaben. Weiterhin fürchten wir, dass viele Eltern bzw. Elternteile durch die unzureichende Bedarfsdeckung in der Kinderbetreuung entweder keine Anstellung finden oder sie gar verlieren. Oftmals sind Anstellungsverhältnisse von der Zusicherung der Betreuung abhängig gemacht worden, wie sich aus Gesprächen mit einigen Familien ergab.

Rechnen wir mal entgegen, dass für die eingesparten Gelder für die Kindertagespflege der zwangsläufige Bezug oder Weiterbezug von Sozialleistungen wie ALG I und ALG II für die Familien bedeuten könnte. Wie Sie dem örtlichen Mietspiegel entnehmen können, sind rund 500 € Warmmiete das Mindeste, was der Kommune an Sozialleistungen für Wohnkosten pro Familie anfallen kann. Rechtfertigt sich der drohende Aufwand mit der Kürzung unserer Finanzierung?

Wie sieht das Ziel der Familienpolitik letztendlich aus? Ist das die Familienfreundlichkeit, die auch Steuereinnahmen durch sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse einbringt und sich zusätzlich auch positiv auf den Ruf einer Stadt auswirkt? Oder lassen wir die Eltern im Stich, welche durch die Einsparungen entweder durch den „Absprung“ von Tagespflegepersonen in der Arbeitslosigkeit verbleiben müssen oder ihren Job verlieren und somit der kommunalen Steuerkasse „zur Last“ fallen?

Können Sie sich vorstellen, dass auch Tagespflegepersonen nicht nur von Luft und Liebe leben können und auch ein für uns alle herzerfüllendes Kinderlachen jedoch keine Kosten wie z.B. vorgeschriebene Versicherungen, evtl. Räumlichkeiten, Fahrkosten, Kursgebühren, die für weitere erforderliche Qualifikationen erhoben werden, deckt? Ein wirtschaftliches Minus ist für alle Beteiligten unzumutbar.

Wie würden Sie es empfinden, wenn Sie durch wegfallende oder nicht zugesicherte Betreuung erwerbslos zu Hause bleiben müssten, da die derzeitigen und kommenden Rahmenbedingungen sich nicht mit der Bedarfsdeckung vereinbaren lassen? Würden Sie die zusätzliche Vertrauensperson Ihres Kindes ständig auswechseln oder hergeben wollen? Wie würden Sie ihnen erklären, dass ständig jemand anderes auf sie aufpasst, wo sie doch ihre bisherige „Tagesmutti“ lieb gewonnen haben, diese aber die anfallenden Fixkosten nicht mehr stemmen konnte und daher schweren Herzens zu Hause bleibt?

Horchen Sie in Ihr Herz und überdenken zum Wohle der Kinder und ihren Familien die Entscheidung der geplanten Einsparungen. Ich appelliere an Ihren gesunden Menschenverstand.

Mit freundlichen Grüßen

Hinweis:

Dieser offene Brief ist allein der Gedankengang des Verfassers und nicht in Gemeinschaft mit  anderen Tagesmüttern verfasst worden.

Anschluss und Mithilfe sind jedoch erwünscht.

 

1 Kommentare zu Kürzung der Aufwandsentschädigung für Tagesmütter in Thüringen
  1. Ich selbst bin weder Betroffener noch Nutznießer solcher Dienste. Jedoch weiß ich aus perönlichem Kontakt um die Problematik und die Hintergründe der Entstehung dieses Offenen Briefes.

    So war es mir dann auch ein Muß diesen hier in meinem Blog zu veröffentlichen.

    Ich hoffe möglicht viele Menschen nehmen diesen "Hilferuf" zum Anlaß sich dem Anliegen anzuschließen und diesen zu unterstützen. Besonders angesprochen sind dabei natürlich die Tagesmütter selbst als auch die Eltern welche bereits diesen Dienst nutzen bzw. in naher Zukunft ins Auge fassen.
    08.04.2010 15:04
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